Zwischen High-Society und Flüchtlingsheim

Das Jahr nach Big Brother war nicht sonderlich schön für mich. Auch wenn es wahrscheinlich für Außenstehende immer so aussieht, wenn man viel unterwegs ist und in die Kameras lächelt, muss es nicht immer heißen dass alles großartig verläuft.

Ich habe mich auf viele falsche Menschen verlassen, die einem Erfolg und gutbezahlte Jobs versprochen hatten. Menschen haben mich anders behandelt als früher, wo sie wussten, dass man mehr am Konto hat als vorher und immer wussten alle besser, was ich damit tun soll und wie ich mich nun zu verhalten habe. Ich wurde von Termin zu Termin gehetzt und so verging unglaublich viel Zeit bis ich aufgewacht bin und endlich Nein sagte.

Plötzlich war für mich vieles klar. Ich wusste immer noch nicht was ich will, aber ich wusste genau was ich nicht will. Ich habe das Diplom in psychologischer Beratung angefangen und weiß jetzt, dass ich das viel früher hätte machen sollen. Leider kann man die Ausbildung erst ab 25 Jahren machen und leider habe ich etwas länger gebraucht, zu verstehen, was mich wirklich interessiert. Besser spät als nie.

Nun stehe ich hier, unglaublich stolz auf all die Erfahrungen die ich neben dem High Society Leben gemacht habe. Noch im zweiten Semester bekam ich durch ganz viel Glück und Mut den Job im Flüchtlingsheim. Das Wort Flüchtlingsheim finde ich so hässlich, dass ich es nicht wieder verwenden möchte in diesem Artikel.

“Es gibt einen Ausfall heute Nacht und wir brauchen Ersatz. Es sind liebe Kinder,”

hieß es beim Anruf. Ich saß an einer Arbeit und dachte “Es wird furchtbar, aber ich stelle mich dieser Herausforderung”. Ich schminkte mich ab. Zog einen weiten Pullover an, setzte meine Aschenbecher- Brille auf, um erwachsener zu wirken, und machte mich auf den Weg. Sie sagten Kinder. Was mich erwartete waren Jugendliche. Eine WG für unbegleitete minderjährige Jungs zwischen 14 und 17, welche gemeinsam in einem Wohnheim untergebracht sind. Sie gehen in die Schule, oder zum Deutschkurs und haben ganz normale Hobbies wie alle anderen Jugendlichen.

Schnell war die Sorge, man würde mich als Frau – und auch noch als eine 1,53 cm kleine Frau – nicht respektieren, vergessen. Da ich selbst mit 12 Jahren meine Heimat in Weißrussland verlassen habe, wo ich ohne warmes Wasser, Badezimmer und WC aufwuchs und aus einer armen selbst-Versorger Familie stammte, waren die Lebensbedienungen in der WG und die Gewohnheiten der Jungs nicht fremd. Was uns definitiv unterscheidet ist, sie haben Furchtbares auf ihrer Flucht erlebt und sind komplett allein auf sich gestellt. Denn sie sind Elternlos hier.

Die jüngsten sind gerademal 15 Jahre alt. Mit 15 Jahren ohne Liebe, ohne jemanden der sie in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut sein wird, dass sie nicht ewig allein sein werden und jemals ihre Familie wiedersehen werden. In einem fremden Land, wo nur wenige die soziale Ader haben, nachzuvollziehen, dass sie es sich nicht selbst ausgesucht haben, hier zu sein. Wo man ihnen nachsagt, dass sie genug unterstützt werden, wobei sie wöchentlich für ein paar rote Scheine ihr Essen, ihre Kleidung und ihre Hobbies selbst finanzieren müssen.

Ja mit 15 bereits auf sich alleine gestellt. Die Wäsche und das Essen selbst zubereiten, die fremde Sprache, die Währung und die Kultur lernen, wobei dir in der Schule und auf der Straße böse Blicke zugeworfen werden, weil du anders aussiehst, oder mal abwesend bist, weil dich die Erinnerungen nicht loslassen können.

Fast kommen mir wieder die Tränen wenn ich dies schreibe. Ich musste lernen nicht in Mitleid zu versinken denn das wollen sie nicht. Sie wollen auch keine Hilfe bei der Hausarbeit, die ihnen mit einem Zeitplan aufgegeben wird, um das derzeitige “Zuhause” sauber zu halten. Sie sind normale Jugendliche. Sie machen sich das Leben schwer mit gegenseitigem Schikanieren und Prügeleien im Haus. Sie sind normale Jugendliche, die aus Langweile und Neugierde mal nen Joint, oder Alkohol probieren wollen. Sie sind ebenfalls normale Jugendliche die den ersten Kontakt zum weiblichen Geschlecht suchen, nur hat ihnen noch keiner richtig beigebracht wie das funktioniert. Weil die Mama fehlt. Und weil man sie ständig nur negativ unter die Luppe nimmt. Du siehst eben anders aus. Und das gefällt den Leuten nicht.

“Ich frage Gott öfters warum er mir dieses Leben geschenkt hat und warum mich die Menschen immer so komisch ansehen. Ich tu’ doch niemand was!”

erzählt mir eines Abends ein somalischer Junge, der gerade erst 17 geworden ist, aber körperlich groß ist, dass man denken könnte, er wäre älter. “Ständig werde ich am Schulweg von der Polizei aufgehalten und nach dem Ausweis gefragt, danach durchsuchen sie meine Schulsachen nach Drogen”. Man bedenke, es wäre euer Kind gewesen, der tagtäglich am Heimweg mit dieser Konfrontation in Verbindung gebracht wird. Hart, oder? Danach den Rest des Abends noch positiv zu bleiben ist schwierig. “Gestern bin ich in der U-bahn gesessen, ohne Grund, hat ein alter Mann mich beleidigt, meine Haare sind hässlich und ich soll’ sie schneiden”.

 Ja, sie meistern es toll. Sie sind gute Jungs, doch ein Lächeln und gutes Zureden reicht eben auch nicht immer, um alles wieder gut zu machen. Ich sage auch nicht, dass die Polizei hier falsch arbeitet, es ist gut so … doch denkt einfach nur mal nach, es wäre euer Kind …

“Auf der Flucht durch die Türkei, habe ich meine Eltern verloren,” erzählt mir ein anderer Junge aus Afghanistan. “Im Heim wo ich früher gelebt habe, wurde mir mein Handy gestohlen, das war der einzige Kontakt zu meiner Mutter. Ich weiß nicht ob sie noch lebt und wenn ja wo.” Dir bleibt der Atem stecken und positive Worte sind hier absolut fehl am Platz.

Diese und viele andere Geschichten begleiten mich durch den nicht immer friedlichen Dienst. Einige Jugendliche haben nicht das Privileg, einen Schulplatz zu bekommen. Diese sind besonders gefährdet, da sie keinen geregelten Ablauf haben und die Sorge um das eigene Leben schnell in Drogen, oder Alkohol getränkt werden, um nicht nachdenken zu müssen. Sie wünschen sich eine Tagesstruktur. Das Gerücht sie wollen nichts tun und sind faul, ist ein absoluter Blödsinn. Sie freuen sich in die Schule gehen zu dürfen, auch wenn das Aufstehen morgens furchtbar schwer ist, wenn einem Nachts wieder die Erinnerungen an die Flucht, oder an die Familie nicht schlafen ließen. Wenn man versucht nachzuvollziehen, und nicht die Augen und Ohren verschließt, sieht man auch andere Seiten, als die, die uns in der Tagespresse erzählt werden. Nur die Menschen dazu zu bringen, aus ihren Schneckenhäusern bisschen aus zu fahren und mit zu denken, ist immer schwierig und ab und zu einfach unmöglich.

“Lusy pass auf, dass sie dich nicht vergewaltigen,”

oder “Was gibst du dich mit denen ab,” sind nur einige unglaublich beleidigende Kommentare, die ich mir geben muss. Ich bin unfassbar geschockt, wie viele Menschen es sich leicht machen und wie niedrig ihr Horizont ist. Es ist nicht möglich, mit diesen Menschen zu diskutieren, und vor allem schöpft es unglaublich viel Energie ab.

Man sagt, diese Flüchtlinge brauchen dringend Bildung, doch ich wünsche mir, man würde die eigenen Kinder aufklären, dass der Junge namens Mohammed sich es nicht ausgesucht hat, einen No-Name Pullover in der Schule zu tragen, und deswegen nicht schlechter ist als Wolfgang. Den mit dem Mobbing an der Schule, nimmt alles seinen Lauf. Wut, Frust, Enttäuschung.

Lusy Skaya

Dipl. Sozialberaterin (psychologische Beratung) i.A.u.S

l.skaya@hotelmama.at